19 Monate Weltreise – Persönliche Reflektionen – Teil 1

Von einem der auszog, sich selbst im Spiegel der grossen weiten Welt zu entdecken

Gerhard Gante c) GerHEartsWorlde
Gerhard Gante c) GerHeartsWorld

Als ich im September 2014 mit einem Oneway-Ticket nach Indien aufbrach, wusste ich zwar warum, hatte aber keine Ahnung, wohin mich diese Reise führen würde. Die Zukunft lag wie ein neues, weisses Blatt vor mir und ich wollte es ganz bewusst offen lassen, ob und wenn ja wann sie mich wieder zurück nach Deutschland leiten würde.

Im April 2016 bin ich erst mal in meine alte Heimat zurück gekehrt: Mein Vater lag im Sterben, ich bin reisemüde und ich habe eine klare Vorstellung gewonnen, was ich in meinem Leben als nächstes manifestieren möchte. Ein Samen kann nicht immer nur frei im Wind herum treiben. Irgendwann braucht er einen Platz zum keimen und Wurzeln schlagen, damit eine freie und wilde neue Pflanze erblühen kann.

(c) GerHeartsWorld
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Was waren die Highlights und welche Inspirationen durfte ich erfahren?

In Rishikesh habe ich unfreiwillig mein erstes Bad im heiligen Ganges genommen und bin so richtig in der Entschleunigung angekommen. Wie anders es doch ist zu reisen anstatt nur Urlaub zu machen!

Das höchste Gebirge der Welt habe ich in einem 7-tägigen Trekking gemeinsam mit dem indischen Bergführer Ravi erkunden dürfen und durfte dabei erfahren, was es heisst auf über 4000m Höhe einen Schneesturm zu überleben. Aber bei Ravi war ich in guten Händen, er kennt die Bergriesen des Himalaya mit all ihren Legenden und es fühlte sich gut an nachhaltigen Tourismus lokal vor Ort zu unterstützen, anstatt in Nepal den Massen nachzulaufen. Anschliessend bin ich noch alleine zur Gangesquelle gepilgert, habe im Tempel Mantras gesungen und durfte in die Heiligkeit dieser Gegend mit allen Sinnen eintauchen.

In Jaipur bin ich in ein Märchen aus 1001 Nacht eingetaucht und habe es genossen, dass die globalisierte Gleichmacherei bisher nur ansatzweise in Indien angekommen ist.  Alles ist anders in Indien – und das ist gut so! In Varanassi wurde ich mit Leichenverbrennungen konfrontiert und war überrascht festzustellen, dass ich nicht schockiert bin, sondern dass es mir stimmig vorkommt die Vergänglichkeit des Lebens so plastisch vor Augen zu haben. Ich fühlte mich unterstützt das eigene Leben ganz abseits von gesellschaftlichen Normen zu leben, denn im Augenblick des eigenen Todes möchte ich nicht bedauernd auf versäumte Chancen zurück blicken müssen.

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Überwiegend laotische Zustände habe ich auf einer Motorradrundfahrt im wenig touristischen Norden von Laos angetroffen. Besonders beeindruckt haben mich neben den Menschen und der Landschaft die Auswirkungen des Krieges auf beides mitzubekommen. Die Amerikaner haben über diesem Land angeblich mehr Bomben abgeworfen als im gesamten zweiten Weltkrieg zusammen und noch heute ist das Land von ungezündeten Bomben übersät, die im Schnitt ein Todesopfer täglich fordern.

Im thailändischen Ko Phangan machte ich Pause vom Entdecken fremder Kulturen und tauchte stattdessen tief ein in eine internationale Yoga-Tantra-Mantra-Spiri-Szene, die im krassen Kontrast steht zur ausschweifenden Full-Moon-Party-Szene im Süden der Insel. Hier fühlte ich mich so wohl, dass ich meine Reise erst mal hätte beenden können und mich die nächsten Monate gemütlich hätte einrichten können. Aber es war bereits Dezember und ich hatte mir in den Kopf gesetzt, den Südsommer in Australien und Neuseeland zu verbringen. Dort war ich vorher noch nie, da es für einen normalen Urlaub einfach zu weit weg ist. Der Billigflug von Bangkok nach Melbourne war mit unter 200 Euro für einen 9 Stunden-Flug schon sensationell günstig und machte mir nochmals deutlich, dass sich “around the world ticketes” nicht lohnen. Zu festgelegt, nur ein Jahr gültig und teurer als wenn man flexibel jeweils den nächsten Flug bucht.

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In Australien beeindruckten zwar die weiten Landschaften, die tollen Strände und die gute Infrastruktur, aber in den Hauptsommerferien im Januar/ Februar kann ich zumindest die Bundesstaaten NSW und Victoria nicht empfehlen: Zu überlaufen, zu teuer und überall Verbotsschilder. Die Great-Ocean-Road hat sich trotzdem gelohnt und meine Erfahrungen in einer Osho-Community in Byron Bay als Workexchanger möchte ich auch nicht missen. Durch ein paar Stunden Arbeit am Tag im Austausch gegen Unterkunft und ggf. Verpflegung lässt es sich auch in einem teuren Land überleben ohne das Budget zu sprengen.

Neuseeland hat unglaublich viele landschaftliche Highlights, besonders auf der Südinsel, so dass der Platz nicht reicht, hier auch nur die wichtigsten aufzuzählen. Die neuseeländischen Alpen, die Catlins, das Fjordland, die gesamte Westküste, der Abel Tasman National Park, und mein absoluter Lieblingsstrand auf der ganzen Welt – Magie pur! Auf der Nordinsel waren es dann eigentlich nur die Thermallandschaften und heissen Quellen, sowie die Coromandel-Halbinsel die mich fasziniert haben. Neuseeland ist so ein unkompliziertes Reiseland, man kann sehr easy einen Campervan kaufen und ohne grosse Verluste wieder verkaufen, die Infrastruktur ist gut und nicht überteuert wie in Australien und die Kiwis sind einfach nur “sweet”. Trotz allem machte mir das lange alleine sein zu schaffen und ich musste meine erste grosse Reisekrise durchstehen. Schöne Landschaft allein ist eben auf die Dauer auch nicht befriedigend, letztlich sind es die menschlichen Kontakte die zählen! Und da wurde es dann höchste Zeit, dass ich auf dem Neo-Hippie-Rainbowgathering endlich wieder unter Leute komme, bevor ich ganz in der Depression versinke. Und dann tauchte ich ein in die Festival-Szene, denn wenn man einmal auf einem Gathering war, dann erfährt man dabei gleich von den nächsten dreien. So bin ich zum herbstlichen Osterfest 2015 bei noch schönem Wetter auf dem Prana-Festival, wo mich auch die gute Integration von Maori-Traditionen beeindruckte. Durch einen Kontakt durfte ich dann wenig später auf der Nordinsel auch in ein richtig schamanisches Maori-Familienleben hinein schnuppern. Auf dem Prana-Festival erfuhr ich dann auch von einem ökologischen Earthship-Bauprojekt, bei dem ich ein bisschen mitarbeiten und es so kennen lernen durfte. Ende April wird es dann doch auch auf der Nordinsel schon ziemlich kühl und es wurde Zeit weiter zu ziehen. Zuvor nahm ich aber noch das Earthbeat-Festival mit. Diese Festivals taten mir gut, weil ich dadurch wieder unter Leute kam, allerdings wurde mir auch bewusst, dass mir durch die nur kurz vorüberziehenden Begegnungen etwas an Tiefe und Beständigkeit abgeht.

(c) GerHeartsWorld
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Durch einen Kontakt vom Rainbow-Gathering kam ich an einen genialen Workexchange-Platz auf den Fiji-Inseln, wo ich fast den gesamten Mai verbrachte. Ich war selten an einem so abgelegenen Ort und lernte so einiges über die alten, jedoch unverändert lebendigen Südseebräuche kennen – zumindest das was die christlichen Missionare in ihrer Bekehrungswut davon übrig gelassen haben. Ebenso interessant war es zu erfahren, wie man ein quasi autarkes Leben leben kann, wenn man sehr weit von herkömmlichen Einkaufsmöglichkeiten entfernt ist und sogar seinen Strom selber produziert.

Wie ich dann den Kulturschock nach Überquerung der Datumsgrenze und Eintauchen in die nordamerikanische Kultur verkraftete, ist im zweiten Teil nächste Woche zu lesen.


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