Alle Beiträge von Gastautor Gerhard

Be the change you want to see in the world! Dieser Satz von Gandhi hat Gerhard inspiriert nach 18 jahren seinen Fulltimejob als Ingenieur und Change-Manager in München zu kündigen und auf Reisen zu gehen. Was 2014 mit einem One-Way-Ticket nach Delhi begann, hat ihn mittlerweile durch viele verschiedene Kontinente und Kulturen geführt. Begleite ihn hier auf seinen äusseren und inneren Reisen und lass dich inspirieren deinen ganz eigenen Weg zu gehen.

19 Monate Weltreise – Persönliche Reflektionen – Teil 2

Von einem der auszog, sich selbst im Spiegel der grossen weiten Welt zu entdecken.

Gerhard Gante (c) GerHeartsWorld
Gerhard Gante (c) GerHeartsWorld

Die ehemalige deutsche Kolonie Samoa war ganz nett, würde die weite Reise von Europa aus jedoch nicht rechtfertigen. Aber da es ohnehin eine Zwischenlandung auf dem Weg nach Hawaii war, dachte ich mir ich könnte auch eine Woche dort verbringen. Immerhin habe ich einige spannende Abenteuer dort erlebt…

Auf Maui erlebte wie die amerikanische Luxustourismusindustrie tickt und erschrak zunächst darüber wie krass der american way of life die ursprüngliche hawaiianische Kultur verdrängt hat. Immerhin gibt es dort eine lebendige alternative Szene, die etwas vom ehemaligen Aloha-Spirit adaptiert hat. Ich hatte ein nettes Apartment in einer kleinen Gemeinschaft und bekam tolle Kontakte zu Menschen die dort leben. Landschaftlich gibt es schon sehr schöne Ecken – auch auf Kauai, aber die hawaiianischen Inseln haben mich insgesamt ziemlich an die Kanaren erinnert – und die sind deutlich billiger und von Europa aus näher.

(c) GerHeartsWorld
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Noch krasser war dann das Ankommen in Los Angeles mit Übernachtung in einem Hostel direkt am Hollywood Boulevard – American showbuisness pur! Die ganze amerikanische Westküste bis hoch nach Kanada hat mir nicht besonders gefallen. Nicht dass es keine ansprechenden Landschaften gäbe, aber mit den Menschen und den USA bin ich einfach nicht richtig warm geworden. Einzige Ausnahme: Das alternative Heilzentrum Harbin Hot Springs. Das es mir dort so gut gefallen hat, mag zum Teil auch daran liegen, dass ich mich heftig verliebt habe. Dass das Zentrum wenig später einem verheerenden Waldbrand zum Opfer gefallen ist und die Liebesgeschichte für mich mit einem gebrochenen Herzen endete, passt dann irgendwie auch zusammen.

Als lonesome cowboy fuhr ich dann wochenlang die endlosen Highways entlang, zeltete in der Wildnis, sah Bären aus nächster Nähe und legte bis nach Alaska und wieder runter nach Calgary viele Tausende Kilometer zurück. Im Herzen der kanadischen Rockies wurde ich von den Auswirkungen der riesigen Waldbrände wieder eingeholt.  Und ich merkte wieder, dass die schöne Landschaft alleine nicht zufrieden stellt, sondern dass es auf das Menschliche ankommt. Und gerade davon war ich erst mal bitter enttäuscht worden und musste das erst mal verdauen. Eine der einsamsten und zugleich auch teuersten Abschnitte meiner Reise. Anfang September kehrte ich dem beginnenden kanadischen Herbst den Rücken und machte mich hoffnungsvoll auf in den südamerikanischen Frühling. Die ursprüngliche Idee auf dem Landweg über Mittelamerika runter zu fahren verwarf ich, da mich dort die Regenzeit voll erwischt hätte.

(c) GerHeartsWorld
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Das Ankommen in Peru war dann wie ein Nachhausekommen, ein Aufatmen. Und ich fand nette Menschen, mit denen ich guten Austausch und Inspirationen hatte. Ausserdem fühlte ich mich inspiriert einen radikalen Schwenk hin zu gesunder Ernährung zu machen. Auch als Vorbereitung zu diversen schamanischen Ritualen die in ihrer visionären Heilkraft dann auch ein weiteres Highlight der Reise waren. Der Amazonas-Dschungel hat mich in seiner Artenvielfalt und Abenteuerlichkeit mal wieder sehr beindruckt und dass es auf Reisen oft ganz anders als geplant laufen kann, habe ich erfahren als ich meinen 50. Geburtstag auf dem Amazonas feiern durfte.

Bolivien war von der Freundlichkeit und Offenheit der Menschen her nicht einladend länger zu bleiben, aber die beiden Höhepunkte Isla del Sol im Titicacasee und Salar der Uyuni haben sich wirklich gelohnt und das nicht nur in touristischer Hinsicht sondern auch durch deren spezielle Magie.

In Argentinien habe ich mal ein halbes Jahr gelebt und war auch sonst einige Male dort, so dass ich den ganzen Dezember über Freunde und Verwandte besucht habe. Und das war schön! Mitzubekommen wie sehr der Regierungswechsel die Menschen polarisiert war interessant – von Politikverdrossenheit keine Spur! Weihnachten und Sylvester im Hochsommer zu feiern war wirklich mal etwas anderes, nichts von stille Nacht, heilige Nacht. Apropos Lärm: Offenbar waren die Peronisten wirtschaftlich nicht so unervolkreich wie es die Gegner gerne behaupten, denn seit ich vor 10 Jahren das letzte Mal dort war, hat sich die Autodichte gefühlt verzehnfacht!

An Neujahr 2016 habe ich mich dann Richtung Patagonien in Bewegung gesetzt und bin zwar auf tolle Landschaften gestossen, die aber im Hauptferienmonat Januar zu teuer und überlaufen waren, so dass ich bald die Flucht ergriffen habe nach Chile und dort zunächst eine entspannte Zeit hatte, da man dort hauptsächlich erst im Februar Urlaub macht. Gleich der erste Ort hinter der Grenze mit dem schönen Namen Futaleufu war dann gleich mein Patagonien Highlight und das lag nicht nur am Rafting im fünften Schwierigkeitsgrad. Mein Versuch weiter auf der carretera austral nach Süden vorzudringen scheiterte an dünnen Transportmöglichkeiten und zu viel Tramperkonkurrenz. Ich habe noch etwas auf der Liste, wohin ich zurück kommen möchte, dann aber mit eigenem Fahrzeug und Campingausrüstung, denn Patagonien erschliesst sich durch das freie Erkunden der Wildnis. Immerhin habe ich in Cochamo noch eine wunderbar usrpüngliche Alternative zum Yosemite Nationalpark entdeckt und eine sehr gute Zeit gehabt. Als dann die Sommerferiensaision einsetzte bin ich nach Santiago de Chile zu Verwandten geflüchtet und habe mich da einquartiert, bis ich nach NIcaragua geflogen bin.

Touristische Ambitionen hatte ich in Zentralamerika keine mehr, aber ich habe die Community mit dem besten und schlüssigsten Konzept meiner gesamten Reise kennen lernen dürfen: Inanitah.

Was bleibt von dem, was ich mir am Beginne der Reise vorgenommen hatte?

  • Ich habe viel Zeit in wilder Natur verbracht, habe meditiert, bin gewandert, habe ausgespannt, neue Energie getankt und mich wieder mehr mit meiner inneren Natur verbunden.
  • Zugang zu meiner Intuition habe ich bisweilen gefunden, oft aber auch nicht und musste lange suchen, bis ich wieder im flow war und sich das Gefühl einstellte zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Die Einsamkeit hat immer mal wieder alles überschattet, so dass ich erst nährende, tiefe Kontakte brauchte, damit sich der innere Nebel lichtete.
  • Die glücklichsten Momente waren die, wo ich Menschen aus einem Gefühl der Lebendigkeit und Fülle heraus begegnet bin – und auch die wo ich allein an magischen Orten in der Natur war
  • Interessante neue Tätigkeiten habe ich nur wenige ausprobiert. Aber in unzähligen Begegnungen mit Menschen und dem Lauschen ihrer Lebenspassionen, habe ich viele Anregungen bekommen und Lust bekommen einiges davon selber umzusetzen
  • Ich war viel in ökosozialen Gemeinschaftsprojekten, auf Festivals und Workshops und bin klarer geworden, wie die eigene Gemeinschaft aussehen soll, der ich mich anschliesse oder die ich neugründen möchte. Ich suche noch nach Gleichgesinnten, die sich mit meiner Gemeinschaftsvision identifizieren können. und zusammen zeitnah diese Vision manifestieren möchten.

Seit meiner Rückkehr nach Deutschland hat sich mein Leben wieder enorm verdichtet. Der Tod meines Vaters, Suche nach Wohnort und Arbeits, das Netzwerken in neuen und alten Beziehungen…und vieles mehr. Hier erfahrt ihr, wie es mir geht und wie ich mir mein Leben nach der grossen Reise gerade wieder neu zusammen baue.

Schreibt mir einfach, wenn ihr Lust habt mit mir in Kontakt zu treten. Ich freue mich über lebendigen Austausch!


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19 Monate Weltreise – Persönliche Reflektionen – Teil 1

Von einem der auszog, sich selbst im Spiegel der grossen weiten Welt zu entdecken

Gerhard Gante c) GerHEartsWorlde
Gerhard Gante c) GerHeartsWorld

Als ich im September 2014 mit einem Oneway-Ticket nach Indien aufbrach, wusste ich zwar warum, hatte aber keine Ahnung, wohin mich diese Reise führen würde. Die Zukunft lag wie ein neues, weisses Blatt vor mir und ich wollte es ganz bewusst offen lassen, ob und wenn ja wann sie mich wieder zurück nach Deutschland leiten würde.

Im April 2016 bin ich erst mal in meine alte Heimat zurück gekehrt: Mein Vater lag im Sterben, ich bin reisemüde und ich habe eine klare Vorstellung gewonnen, was ich in meinem Leben als nächstes manifestieren möchte. Ein Samen kann nicht immer nur frei im Wind herum treiben. Irgendwann braucht er einen Platz zum keimen und Wurzeln schlagen, damit eine freie und wilde neue Pflanze erblühen kann.

(c) GerHeartsWorld
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Was waren die Highlights und welche Inspirationen durfte ich erfahren?

In Rishikesh habe ich unfreiwillig mein erstes Bad im heiligen Ganges genommen und bin so richtig in der Entschleunigung angekommen. Wie anders es doch ist zu reisen anstatt nur Urlaub zu machen!

Das höchste Gebirge der Welt habe ich in einem 7-tägigen Trekking gemeinsam mit dem indischen Bergführer Ravi erkunden dürfen und durfte dabei erfahren, was es heisst auf über 4000m Höhe einen Schneesturm zu überleben. Aber bei Ravi war ich in guten Händen, er kennt die Bergriesen des Himalaya mit all ihren Legenden und es fühlte sich gut an nachhaltigen Tourismus lokal vor Ort zu unterstützen, anstatt in Nepal den Massen nachzulaufen. Anschliessend bin ich noch alleine zur Gangesquelle gepilgert, habe im Tempel Mantras gesungen und durfte in die Heiligkeit dieser Gegend mit allen Sinnen eintauchen.

In Jaipur bin ich in ein Märchen aus 1001 Nacht eingetaucht und habe es genossen, dass die globalisierte Gleichmacherei bisher nur ansatzweise in Indien angekommen ist.  Alles ist anders in Indien – und das ist gut so! In Varanassi wurde ich mit Leichenverbrennungen konfrontiert und war überrascht festzustellen, dass ich nicht schockiert bin, sondern dass es mir stimmig vorkommt die Vergänglichkeit des Lebens so plastisch vor Augen zu haben. Ich fühlte mich unterstützt das eigene Leben ganz abseits von gesellschaftlichen Normen zu leben, denn im Augenblick des eigenen Todes möchte ich nicht bedauernd auf versäumte Chancen zurück blicken müssen.

(c) GerHeartsWorld
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Überwiegend laotische Zustände habe ich auf einer Motorradrundfahrt im wenig touristischen Norden von Laos angetroffen. Besonders beeindruckt haben mich neben den Menschen und der Landschaft die Auswirkungen des Krieges auf beides mitzubekommen. Die Amerikaner haben über diesem Land angeblich mehr Bomben abgeworfen als im gesamten zweiten Weltkrieg zusammen und noch heute ist das Land von ungezündeten Bomben übersät, die im Schnitt ein Todesopfer täglich fordern.

Im thailändischen Ko Phangan machte ich Pause vom Entdecken fremder Kulturen und tauchte stattdessen tief ein in eine internationale Yoga-Tantra-Mantra-Spiri-Szene, die im krassen Kontrast steht zur ausschweifenden Full-Moon-Party-Szene im Süden der Insel. Hier fühlte ich mich so wohl, dass ich meine Reise erst mal hätte beenden können und mich die nächsten Monate gemütlich hätte einrichten können. Aber es war bereits Dezember und ich hatte mir in den Kopf gesetzt, den Südsommer in Australien und Neuseeland zu verbringen. Dort war ich vorher noch nie, da es für einen normalen Urlaub einfach zu weit weg ist. Der Billigflug von Bangkok nach Melbourne war mit unter 200 Euro für einen 9 Stunden-Flug schon sensationell günstig und machte mir nochmals deutlich, dass sich “around the world ticketes” nicht lohnen. Zu festgelegt, nur ein Jahr gültig und teurer als wenn man flexibel jeweils den nächsten Flug bucht.

(c) GerHeartsWorld
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In Australien beeindruckten zwar die weiten Landschaften, die tollen Strände und die gute Infrastruktur, aber in den Hauptsommerferien im Januar/ Februar kann ich zumindest die Bundesstaaten NSW und Victoria nicht empfehlen: Zu überlaufen, zu teuer und überall Verbotsschilder. Die Great-Ocean-Road hat sich trotzdem gelohnt und meine Erfahrungen in einer Osho-Community in Byron Bay als Workexchanger möchte ich auch nicht missen. Durch ein paar Stunden Arbeit am Tag im Austausch gegen Unterkunft und ggf. Verpflegung lässt es sich auch in einem teuren Land überleben ohne das Budget zu sprengen.

Neuseeland hat unglaublich viele landschaftliche Highlights, besonders auf der Südinsel, so dass der Platz nicht reicht, hier auch nur die wichtigsten aufzuzählen. Die neuseeländischen Alpen, die Catlins, das Fjordland, die gesamte Westküste, der Abel Tasman National Park, und mein absoluter Lieblingsstrand auf der ganzen Welt – Magie pur! Auf der Nordinsel waren es dann eigentlich nur die Thermallandschaften und heissen Quellen, sowie die Coromandel-Halbinsel die mich fasziniert haben. Neuseeland ist so ein unkompliziertes Reiseland, man kann sehr easy einen Campervan kaufen und ohne grosse Verluste wieder verkaufen, die Infrastruktur ist gut und nicht überteuert wie in Australien und die Kiwis sind einfach nur “sweet”. Trotz allem machte mir das lange alleine sein zu schaffen und ich musste meine erste grosse Reisekrise durchstehen. Schöne Landschaft allein ist eben auf die Dauer auch nicht befriedigend, letztlich sind es die menschlichen Kontakte die zählen! Und da wurde es dann höchste Zeit, dass ich auf dem Neo-Hippie-Rainbowgathering endlich wieder unter Leute komme, bevor ich ganz in der Depression versinke. Und dann tauchte ich ein in die Festival-Szene, denn wenn man einmal auf einem Gathering war, dann erfährt man dabei gleich von den nächsten dreien. So bin ich zum herbstlichen Osterfest 2015 bei noch schönem Wetter auf dem Prana-Festival, wo mich auch die gute Integration von Maori-Traditionen beeindruckte. Durch einen Kontakt durfte ich dann wenig später auf der Nordinsel auch in ein richtig schamanisches Maori-Familienleben hinein schnuppern. Auf dem Prana-Festival erfuhr ich dann auch von einem ökologischen Earthship-Bauprojekt, bei dem ich ein bisschen mitarbeiten und es so kennen lernen durfte. Ende April wird es dann doch auch auf der Nordinsel schon ziemlich kühl und es wurde Zeit weiter zu ziehen. Zuvor nahm ich aber noch das Earthbeat-Festival mit. Diese Festivals taten mir gut, weil ich dadurch wieder unter Leute kam, allerdings wurde mir auch bewusst, dass mir durch die nur kurz vorüberziehenden Begegnungen etwas an Tiefe und Beständigkeit abgeht.

(c) GerHeartsWorld
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Durch einen Kontakt vom Rainbow-Gathering kam ich an einen genialen Workexchange-Platz auf den Fiji-Inseln, wo ich fast den gesamten Mai verbrachte. Ich war selten an einem so abgelegenen Ort und lernte so einiges über die alten, jedoch unverändert lebendigen Südseebräuche kennen – zumindest das was die christlichen Missionare in ihrer Bekehrungswut davon übrig gelassen haben. Ebenso interessant war es zu erfahren, wie man ein quasi autarkes Leben leben kann, wenn man sehr weit von herkömmlichen Einkaufsmöglichkeiten entfernt ist und sogar seinen Strom selber produziert.

Wie ich dann den Kulturschock nach Überquerung der Datumsgrenze und Eintauchen in die nordamerikanische Kultur verkraftete, ist im zweiten Teil nächste Woche zu lesen.


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The Art of Travelling – 8 Arten zu Reisen

REISEINSTINKTE

Fühlst du eine Sehnsucht aus einer gewohnten, aber unbequemen Lebenssituation auszubrechen? Fühlst du dich von etwas magisch angezogen ohne recht zu wissen warum? Dann könnte es etwas mit Instinkten zu tun haben. Neben den Instinkten des persönlichen Rück-zugsraums, der Entspannung und des Nestbaus gibt es auch den Migrationsinstinkt. Reisen ist für mich Migration auf Zeit, ein Ausprobieren von Neuem, der Zauber Orte zu entdecken an denen du noch nie  zuvor warst und inspirierende Menschen zu treffen. Dein eigenes Leben zu hinterfragen indem du erlebst, dass es 1001 verschiedene Alternativen gibt: Bist du mutig genug dir diese anzuschauen? Welche Bereiche deines Lebens stehen zur Disposition, welche nicht?

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Hollywood, Los Angeles (c) GerHeartsWorld.com

Wann hast du das letzte Mal innegehalten in deiner Routine, hast die Stille gesucht, das Nichtstun und das Alleinesein ausgehalten und dich überraschen lassen, welche instinktiven Impulse tief aus deinem Inneren kamen? Vielleicht sind sie förmlich aus dir heraus gesprudelt oder es war eine ganz leise zaghafte Stimme….

WELCHE REISEART IST FÜR DICH DIE RICHTIGE?

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Rishikesh, Indien (c) GerHeartsWorld.com

Nehmen wir mal an, du hast in dir den Migrationsinstinkt auf Zeit entdeckt und auch dein Verstand liefert dir gute Gründe, warum es mal wieder Zeit für einen Tapetenwechsel ist. Dann stellt sich die Frage nach der passenden Reiseart. Ich bin als Jugendlicher und als Student ausgiebig und mit wenig Geld gereist, als Angestellter war es dann umgekehrt und als ich meinen Job gekündigt hatte, begann ich die bisher längste Reise meines Lebens und stellte alle Bereiche zur Disposition:

Wo leben?

Mit wem?

Was arbeiten?

Im Folgenden will ich aus eigener Erfahrung Anregungen geben, was es alles für Möglichkeiten des Reisens gibt.

1) PAUSCHALPAKETE – RUNDUM SORGLOS?

Die Reiseindustrie verspricht dir in bunten Rundum-Sorglos-Paketen das Blaue vom strahlenden Himmel herunter. Ich habe das nur ein einziges Mal in meinem Leben gemacht: Nach einer individuellen Indienreise wollte ich noch eine Woche auf den Malediven dran hängen. Und das ging nicht anders als pauschal: Eine Insel mit 500 m Durchmesser, wo man zwischen Sonnenaufgang und -untergang keine 5 Minuten zu laufen hatte. Gutes Essen, schöne bunte Korallenriffe, aber dennoch eine künstliche Welt aus der Retorte, die sorgsam bestrebt ist die lokale Kultur von der international austauschbaren Tourismuskultur abzuschirmen. Diese Resorts sehen überall auf der Welt gleich aus. Aber wenn du einfach ein paar Tage Sonne und Faulenzen möchtest, dann bist du hier richtig.

2) SO TUN, ALS OB DU DAZU GEHÖRST

Ein Häuschen in einem Dorf mieten: Einige Male habe ich das auf den Kanaren, Sardinien oder in Griechenland praktiziert. Ein jahrhundertealtes Haus in einem Dorf, das ansonsten nicht touristisch ist – ein bisschen suchen im Internet und schnell wird man fündig. Einkaufen im Tante-Emma-Laden, Abende in der Dorfkneipe, mit den Nachbarn ins Gespräch kommen. Hier kannst du ein Stückchen in die andere Kultur hinein schnuppern und hast doch deinen eigenen Space.

3) AFTER-WORK-TRAVEL

Messen, Kundenbesuche, Projektarbeit – weltweit fast ebenso austauschbar wie eine Pauschalreise. Und meist voll gepackt bis zum Anschlag. Geschäftsreisen lassen sich jedoch oft gut mit individuellen Entdeckertouren kombinieren, wenn man das Wochenende integriert. Nach einer Tagung in Chicago konnte ich z.B. ein Wochenende in New York City dranhängen, hatte meine Inline-Skates dabei und fühlte mich mindestens so frei wie die berühmte Statue im Hafen, als ich mit Full-Speed die 5. Avenue am Empire-State-Building Richtung Central Park herunter düste.

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4) GASTARBEITER

Die einzige Möglichkeit wirklich in die Alltagskultur eines Landes einzutauchen. Ich lebte während meines Studiums 6 Monate in Argentinien und machte dort ein Praktikum – 22 Jahre später habe ich immer noch Freunde dort. Die dort erworbenen Kenntnisse von Sprache und Kultur haben mir beruflich enorm geholfen und ich fungierte lange Jahre als Bindeglied zwischen Deutschland und Lateinamerika. In vielen Ländern gibt es sogenannte work&travel-Programme, wo man sehr einfach ein Jahresvisum mit Arbeitserlaubnis erhalten kann. Eine tolle Möglichkeit z.B. Kanada, Australien oder Neuseeland ausgiebiger kennen zu lernen. Der Haken an der Sache: Meist gibt es ein Alterslimit, das so um die 30 liegt. Aber auch ohne Arbeitsvisum kann man über Plattformen wie workaway, helpx oder wwoofing interessante Möglichkeiten finden für ein paar Stunden Arbeit am Tag kostenlos wohnen und ggf. auch essen zu können.

5) WHEN IN ROME DO AS THE  ROMANS DO

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Travelastic Gastautor Gerhard im peruanischen Dschungel (c) GerHeartsWorld.com

Dort essen, wo die Angestellten ihre Mittagspause verbringen,  auf Märkten einkaufen, wo die Hausfrauen ihr Gemüse fürs Abendessen holen, in Cafés sitzen, wo die Alten des Ortes Karten spielen, die gleichen Verkehrsmittel benutzen. Kannst du das Freiheitsgefühl nachempfinden auf einem Motorrad im Slalom durch das indische Verkehrschaos zu “tanzen” – wie alle ohne Helm, mit T-shirt und Sandalen? Was für ein geiles Gefühl das deutsche Sicherheitsdenken hinter sich lassen und einzutauchen in den Flow, Teil des Schwarms zu sein. Oder oben auf einem LKW sitzend durch das bolivianische Dschungel-Bergland zu schaukeln? Die Welt lacht sich schlapp, dass Deutsche nachts um eins an einer roten Ampel anhalten, sogar als Fußgänger. Kannst du mitlachen?

6) DANCE LIKE NOBODY IS WATCHING YOU

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Autorenfüße in Neuseeland (c) GerHeartsWorld.com

Ein Salsakurs auf Kuba, eine neue Sportart lernen, eine verrückte Frisur oder abgefahrene Klamotten, Kochkurse, Sprachen lernen, ein Meditations-Retreat…. oder darf es ein Tantrakurs sein? Wenn du alleine unterwegs bist und dich niemand kennt, dann kannst du spielerisch neue Verhaltensweisen ausprobieren, Risiken eingehen. Niemand versucht dich in alte Verhaltensweisen zurück zu drängen, und alle Menschen denen du begegnest, sehen dich zum ersten Mal. Und wenn es allzu peinlich wird, dann vielleicht auch zum letzten Mal – du hast ja jederzeit die Freiheit einfach weiter zu ziehen. Ich habe zum Beispiel immer lackierte Fußnägel der Ladies bewundert. Auf Reisen habe ich mir dann irgendwann selber Nagellack gekauft, ein wunderbares Dunkelblau und es einfach ausprobiert. Was für ein Herzklopfen hatte ich als ich mich in der Drogerie beraten ließ und vor allem als ich das erste Mal mit blauen Nägeln draußen herum lief. Denken die jetzt alle ich bin schwul? Eingetreten ist das Gegenteil: Ich bekam nette Komplimente von Frauen und hatte einige anregende Flirts 😉

7) GLEICHGESINNTE SUCHEN

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Gesehen in Neuseeland (c) GerHeartsWorld.com

Spielst du gerne Volleyball, fährst Inline-Skates, tanzt gerne? Hast vielleicht auch du richtig ausgefallene Hobbies (Hinterlasse deine Hobby in den Kommentaren – Inspiration ist immer gut)? Kein Problem über social media auch in der Ferne Menschen zu finden, die die gleichen Leidenschaften und Interessen teilen. Das hat den Vorteil, dass du Dinge machst, die dir vertraut sind und dir Spaß machen und du lernst darüber Einheimische kennen. Egal wo ich war: Ich bin immer freundlich aufgenommen worden und konnte interessante Kontakte knüpfen.

8) INNERE REISE

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spirituelle Zeremonie in Pushkar, Indien (c) GerHeartsWorld.com

Eine Möglichkeit zu reisen ohne den Heimatort zu verlassen, weil dir vielleicht der Job oder soziale Verpflichtungen nur wenig zeitlichen Freiraum lassen. Mach dich auf Selbstendeckungsreise, besuche Seminare, meditiere, probiere ob an esoterischen Methoden nicht vielleicht doch was dran ist! Ich habe das viel gemacht, nachdem mein Job mich auf nur noch 6 Wochen Reisezeit reduziert hat und es hat mich enorm weiter gebracht. Es muss ja nicht gleich die Reise durch veränderte Bewusstseinszustände mit Schamanen im Amazonasgebiet sein, auch wenn ich persönlich auch damit gute Erfahrungen gemacht habe….

Welche Erfahrungen ich persönlich mit den verschiedenen Arten des Reisens gemacht habe, kannst du in meinem Blog lesen.

Wohin ziehen dich deine Instinkte?


Gastautor Gerhard stellt sich vor…

HALLO IHR QUERDENKER, ABENTEURER, INDIVIDUALISTEN

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Gerhard Gante (c) GerHeartsWorld.com

Mein Name ist Gerhard Gante und ich möchte Euch einladen mich hier ein Stück meines Lebensweges zu begleiten. Was hat mich dazu gebracht meinen sicheren Job als Ingenieur nach 18 Jahren zu kündigen, meine Habseligkeiten im Freundeskreis zu verteilen und erst mal auf unbestimmte Zeit auf Reisen zu gehen? Midlife-Crisis? Plötzlicher Verlust des deutschen Sicherheitsdenkens? Eine unbestimmte Sehnsucht alle Aspekte des menschlichen Lebens ohne Netz und doppelten Boden zu erkunden?

OHNE DICH WÄRE ICH EIN ANDERER

Was für eine Liebesgeschichte gilt, trifft für mich auch das Reisen zu. Mich berührbar machen, alle Sinne öffnen, neugierig das aufregend Andere erforschen, verrückte neue Dinge probieren, etwas riskieren und zulassen, dass ich dadurch wachse und meinen Horizont erweitere. Und wenn die Liebe in mir weiter lebt, auch wenn sie sich vielleicht inzwischen an eine andere Person richtet, wenn ich ein Land verlassen habe, um nach einer “Grenzerfahrung” ein neues zu erkunden, dankbar sagen zu können, dass ich ohne diese Begegnung ein anderer wäre. Menschen, die Reisen detailliert im Voraus planen, am Urlaubsort deutsches Essen und deutsches Bier erwarten, sich nörgelnd bei kleinsten Abweichungen vom Geplanten beschweren und schon vor dem Frühstück ihre Liege am Pool reservieren, blättern besser weiter.

ICH BIN DANN MAL WEG

Schon als Kind hat es mir gefallen mit dem Fahrrad einfach loszufahren und die bekannten Gefilde zu verlassen. Jenes Kribbeln Dinge zum ersten Mal zu erfahren, war einfach stärker als das Bewusstsein um die elterliche Sorge. Mit 15 begann ich per Autostopp meinen Radius zu erweitern und schon bald reiste ich auf dem Daumen durch ganz Westeuropa. Mit einem Freund schaffte ich es bis nach England, wobei die Fähre das Teuerste der Reise war. Ein Bett im Kornfeld, eine Woche lang baked beans und ab und zu nette Einladungen… In Calais hatte mein Freund Heimweh und ich hielt den Daumen weiter Richtung Süden, bis ich irgendwann mit einem holländischen Fahrer die Grenze nach Spanien überquerte. Ich weiß noch wie der Grenzer irritiert schaute als wir die Ausweise zeigten: Vier verschiedene Nationalitäten, von denen keine französisch oder spanisch war.

Travelastic - Blog Empfehlung - GerHeartsWorld

Sprachen machten mir in der Schule Spaß und fielen mir leicht. Und ich lernte auf Reisen, dass sie enorm nützlich sind. Mit Leistungskursen Englisch und Französisch machte ich Abitur, kaufte mir ein Motorrad und machte mich auf Richtung Griechenland. Dort ließ ich mich treiben, ich hatte erstmals wirklich lange Zeit und genoss meine Freiheit. Als ich irgendwann einen Wegweiser sah, der Istanbul in weniger als 500 km ausschilderte, folgte ich diesem spontan und traf vollkommen unvorbereitet auf orientalische Lebensart. Kein Reiseführer, kein Internet…terra incógnita. Als ich nach einem Campingplatz fragte, war ich auf einmal umringt von Menschen, die sich fast darum stritten, wer mich zu sich nach Hause einladen durfte: Was für eine Gastfreundschaft!

Nach dem Zivildienst machte ich mich mit dem Motorrad auf in Richtung Sahara: Ich hatte etliche Monate Zeit bevor ich mit dem Studium beginnen konnte. Als ich im Februar über den Brenner fuhr war die Straße schneebedeckt, in der Toskana fror ich im Zelt dermaßen, dass ich immer wieder meinen Benzinkocher anwarf, aber in Sizilien war schon ein Frühlingshauch zu spüren und ab Tunis war dann auf einmal Sommer. Spätestens ab der algerischen Grenze tauchte ich in fremde Szenerien aus 1001 Nacht ein – alles war aufregend anders als in Europa. Kurz vor der Grenze nach Mali drehte ich langsam Richtung Norden: Ich war mit einem normalen Straßenmotorrad unterwegs, dessen Gepäckträger mit den Wellblechpisten zunehmend Probleme hatte und trotz mehrfachem Schweißen immer wieder brach. Ich schaffte es die Grenze nach Marokko zu überqueren, die eigentlich offiziell geschlossen war. Nach stundenlangem Minztee trinken und ausgiebigen Gesprächen über Gott und die Welt, ließen mich die Grenzer passieren, mit freundlichem Winken und ganz ohne Bakschisch. Auf der Fähre nach Spanien erklang Flamenco-Musik, die mir nach drei Monaten Afrika heimatlich vor kam – ich war wieder im vertrauten Europa.

DER SOGENANNTE ERNST DES LEBENS

Bei aller Abenteuerlust steckte in mir doch auch ein großes Sicherheits- und Leistungsdenken. Beruflich etwas erreichen, materiellen Wohlstand erlangen, intellektuelle Herausforderungen meistern, vielleicht auch ein bisschen die Welt retten. Ich entschied mich für ein Maschinenbaustudium mit Schwerpunkt Technologien zur Energieeinsparung und regenerativen Energien. In den Semesterferien reiste ich viel, vor allem in Asien und Südamerika. Ich absolvierte ein Praxissemester in Argentinien und meine Diplomarbeit im Bereich Solartechnik machte ich am “Institut für Agrartechnik in den Tropen und Subtropen.”

Der Übergang ins Berufsleben fiel mir nicht leicht. Zum einen war Anfang der 90er Jahre von Energiewende in Deutschland noch nichts zu spüren und es war schwer überhaupt einen ersten Job zu bekommen. Und zum anderen haderte ich mit dem Gedanken mit einer Festanstellung meine Freiheit und Selbstbestimmung an der Stempeluhr abzugeben.

Schon bald fand ich jedoch eine Anstellung in einer Firma, deren Teamgeist und Zusammenhalt mich ansteckte. 10 Jahre Vertriebsinnendienst, dann 7 Monate Pionierarbeit in Mexiko beim Aufbau einer neuen Niederlassung. Karriereleiter nach oben: Leitung des Vertriebsinnendienstes für 5 Jahre, dann Projekt- und Changemanagement. Koordination großer strategischer Projekte – weltweit! Meine durch die Reisen sehr lange Studienzeit, die erstmal wie ein Karrierehindernis aussah, entpuppte sich als das genaue Gegenteil.

DIE WENDE

Lange Jahre war das strategische Ziel der Firma Globalisierung, internationale Synergien ausschöpfen, Wissenstransfer. Das war meine Welt! Ich war auch immer wieder Teil des Managements und es machte Spaß am großen Rad zu drehen und Dinge mitzugestalten.

Doch dann kam über Nacht die große Revolution der konservativen Kräfte und auf einmal waren wir statt eines internationales Konzerns wieder nur ein bayerisch-mittelständisches Unternehmen. Ich hoffte, wie viele andere meines Netzwerkes, ebenfalls mit einer guten Abfindung hinaus komplimentiert zu werden, aber offenbar war ich in zu wichtigen Projekten involviert oder doch ein zu kleines Licht. Ich hielt jedenfalls noch zwei Jahre durch, versuchte trotz mangelnden Rückhaltes von oben und extremer Widerstände von unten noch meine Projekte so gut wie möglich zu einem Abschluss zu bringen, aber es war klar, dass ich unter diesen Voraussetzungen keine neuen Projekte übernehmen wollte. Also reichte ich nach fast 18 Jahren in dieser Firma die Kündigung ein.

Und dann folgte eines aufs andere: Einen Tag nachdem ich gekündigt hatte, gab mir meine langjährige Partnerin den Laufpass, was neben Traurigkeit auch ein Gefühl der Erleichterung auslöste, denn es war schon lange recht kompliziert gewesen. Und dann löste sich in der Folge auch die Haus-WG auf, in der wir zu fünft gelebt hatten.

Anstatt dem Verlorenen zu sehr nachzutrauern, machte ich mich auf das Ganze als ungeheure Chance zu sehen: Wenn mich das Leben auf einen Schlag derart frei setzt, dann hat es sicherlich noch etwas spannendes Neues mit mir vor. Und so machte ich mich auf mit einem One-Way-Ticket nach Indien, auf unbestimmte Zeit und mit unbestimmtem Ausgang – mit wachen Sinnen, wohin mich der “Wind of Change” wohl tragen wird. Auf Travelastic und in meinem Reisetagebuch könnt ihr meine Reise um die Welt durch Freud und Leid verfolgen.

Mit sommerlichen Grüßen aus Argentinien

Gerhard